Gedanken

Gedanken zu meinen Arbeiten

Sabine Neubauer

Papier ist ein stilles, sinnliches Material. Es drängt sich nicht auf, es ist einfach da und berührt. Ob dienend als Träger von Bild und Schrift oder selbstbestimmt als Material für Objekte und Installationen, es ist für mich ein ganz besonderer Werkstoff, der mich in seiner Beschaffenheit und Historie immer wieder aufs Neue künstlerisch inspiriert.

Vom Industriepapier bis hin zum handgeschöpften Blatt erforsche ich seine Beschaffenheit, sein Wesen, um es in meinen Arbeiten „zum Klingen“ zu bringen. Frei ohne Einschränkungen lote ich dabei Grenzen aus, beschreite neue Wege in der Bearbeitung und erobere mir den Papierraum in seinem Licht, in seiner Bewegung und seinem Klang.

Geprägt durch das Studium der Textilkunst finden sich meine Arbeiten im Spannungsfeld von Papier und Textil. Die Begriffe Text, Textil und Textur haben eine gemeinsame sprachliche Herkunft, die ich insbesondere in meinen Buchobjekten und Installationen reflektiere. So entstehen Geschichten, so entsteht Stoff im übertragenen Sinne.

 

Gedanken zur 1. Einzelausstellung

Margit Mohr, Galeriehaus Nord, Nürnberg

Eine Wand, ein Regal, das – kaum sichtbar – angefüllt ist mit großen, schweren Bänden. Die Bücher stehen aufrecht, locker nebeneinander gelehnt oder liegen quer übereinander. Großzügig nehmen sie den Platz auf dem Regalbrett ein.

So mag es aus der Ferne scheinen. Denn bei näherem Betrachten verschwimmen die Konturen, die von Weitem noch deutlich zu erkennen waren. Verschwunden ist die Eindeutigkeit der Formen. Dünnwandige, aufgerissene, brüchige Stellen am Rücken und am Vorderdeckel manifestieren sich wie Verletzungen, die mit den Jahren vernarbt sind. Dem anfänglich erschreckten Staunen folgt die Feststellung, dass die Bücher, die sich durch blasse, bräunlich-graue Farbübergänge nicht wesentlich voneinander unterscheiden, Löcher aufzeigen.

Die Ungläubigkeit und das Nicht-wahrhaben-Wollen, das die von Sabine Neubauer betitelte Werkgruppe „Ruinen“ hervorruft, lösen eine Kette von Gedanken über Herkunft und Geschichte des Buches aus, tauchen in Hoch-Zeiten der Lesekultur ein, ohne den historischen Nachhall des Buchdrucks seit Gutenberg aus den Augen zu verlieren.

Symbolisieren die im Regal präsentierten Buchbände als Schatten ihrer selbst etwa den Niedergang des gedruckten Mediums? Nein, so leicht macht es uns die Künstlerin nicht. Denn die Papierfasern ziehen sich wie Adern durch das feine Gewebe und verleihen den fragilen Objekten organische Strukturen und einen zähen Charakter, der all die Worte, Zeilen und Kapitel durchdringt, die jemals gelesen wurden.

Sabine Neubauer zitiert in ihren Arbeiten Meilensteine der neueren Buchgeschichte. Bahnen mit Buchseiten ausgelesener Reclam-Hefte offenbaren die inhärente Ambivalenz der leidenschaftlich geliebten wie ungeliebten Schullektüre. Ein Meer von dicht gefächerten Buchseiten, gebündelt in langen Bahnen an der Wand, gehalten von einem zurückhaltend geführten transparenten Faden.

Anders zeigt sich die Konsistenz zweier Brockhaus-Bände, deren Kodex vollkommen aufgelöst ist. Die komprimierten Seiten sind sorgfältig übereinandergeschichtet. Das jahrhundertealte Wissen des Lexikons ruht aufgebahrt auf einer weißen Stele. Der Schriftzug „Brockhaus“ prangt auf der Oberseite des darauf liegenden fest verschnürten Päckchens, das wie ein schweres Siegel die Erinnerung bewahrt.

 

Gedanken zu „RECLAM FILETIERT“, Textgewebe

Dr. Sabine Richter

Sabine Neubauers Buchobjekte sind Text-Gewebe. Wenn wir sie betrachten, werden unsere Sinne auf besondere Weise herausgefordert. Wir können nicht mehr lesen, was da zu entziffern wäre. Die Ordnung der Zeilen und Seiten ist aufgelöst, fragmentiert, aus ihrem Zusammenhang gerissen, geschnitten und von der Künstlerin neu verknüpft. Geschriebenes und Gedrucktes ist unlesbar geworden, aber es ist sichtbar und fühlbar und unserer haptischen Erfahrung zugänglich gemacht. Wir ertasten den Text mit den Augen und lesen auf eine andere Weise, wie mit den Fingerspitzen.

Das lateinische Verb texere (weben, flechten) weist darauf hin: Die Arbeiten von Sabine Neubauer sind im doppelten Sinne textil und führen uns zum Ursprung der Schrift zurück, zu einem Gewebe aus Zeichen und Worten.

 

Gedanken zu „ERDENGLEICH“, Installation

Dr. Ingrid Gardill

Gekräuselte, große und feste dunkelbraune Blätter, an Tabak erinnernd, rosettengleich zusammengefügt, liegen und stehen auf dem Boden. Vorwitzig biegen sie sich in unerwartete Richtungen, recken oder ducken sich. Das Ganze wirkt so lebendig, als würden sie gerade erst wachsen.

Sabine Neubauer, von den Blättern der Bergenie fasziniert, nutzt deren kräftige Fasern und lässt sie im traditionellen Verfahren der Papierherstellung eine Metamorphose durchwandern. Die so gewonnenen neuen Blätter scheinen die Energie der Pflanze zu verdichten. Die ästhetische Form der Rosette verbindet die widerspenstigen Formationen und lässt zugleich genug Raum, damit sie sich entfalten und in ihrer archaischen Schönheit zeigen können.  Dieses wunderbare Spiel im Gleichklang der Kräfte zeigt uns die Lebendigkeit, die dieser Pflanze innewohnt.

Der Titel der Installation ERDENGLEICH verweist nicht nur auf die Farbe der Erde, sondern auch auf die ursprüngliche Erdverbundenheit der Pflanze. Daher rührt auch die große Strahlkraft, die von dem Werk ausgeht.

 

Gedanken zu „Der Wald. Ein Spaziergang“, Zeichnungen

Dr. Barbara Kahle, Kunstverein Bamberg, 2018

„……Oskar Koller hat einmal gesagt: Durch Impulse entsteht Kunst. Damit ist auch die Spontanität des Handelns gemeint, das In-Bewegung-Setzen, der Antrieb; jedes Werk wird damit auch zu einem Experiment der Beobachtung und des Impulses.

Und dies trifft auf die Blätter aus der Serie „ Der Wald. Ein Spaziergang“ zu, die die Fürther Künstlerin Sabine Neubauer hier präsentiert. Es handelt sich um eine Auswahl kleiner Zeichnungen in Grafit, die während des Gehens im Wald entstanden sind.

„meine Hand führt den Stift, geführt von meinem Auge und meinem Gefühl. Meine Aufmerksamkeit ist ganz auf das Erleben im Augenblick gerichtet. Meine Zeichnung ist Eindruck und Ausdruck zugleich, Ihre Linie ein in Bewegung geratener Punkt: schnell und kraftvoll, einfühlsam und leise.“

Große Künstler waren sich Ihrer Grenzen in der Annäherung an die Natur durchaus bewusst. Albrecht Dürer beispielsweise formulierte die überraschenden Sätze: “…. dann wahrhafftig steckt die Kunst inn der Natur, wer sie heraus kann reyssenn, der hat sie…“ Dürer verstand unter diesem reyssen nichts Anderes als Zeichnen. Zeichnen, das war für ihn das geeignete Mittel, um sich der Natur zu nähern, der Natur einmal gleichzukommen. Das (menschengemachte) Abbild der (göttlichen) Natur sollte nach Dürer allerdings so nah und detailgetreu wie möglich sein. Sabine Neubauer dagegen interessiert gerade nicht das genaue Abbild, ihr Tun gleicht ein wenig der ècriture automatique in der Art, dass der Prozess des Zeichnens eine gewisse Unberechenbarkeit birgt, gleichzeitig aber im Prozess wissendes Erkennen hervorbringt …….. “