Gedanken

Gedanken zu „ERDENGLEICH“, Installation

Dr. Ingrid Gardill, Kunsthistorikerin, Gräfelfing 2021

Gekräuselte, große und feste dunkelbraune Blätter, an Tabak erinnernd, rosettengleich zusammengefügt, liegen und stehen auf dem Boden. Vorwitzig biegen sie sich in unerwartete Richtungen, recken oder ducken sich. Das Ganze wirkt so lebendig, als würden sie gerade erst wachsen.

Sabine Neubauer, von den Blättern der Bergenie fasziniert, nutzt deren kräftige Fasern und lässt sie im traditionellen Verfahren der Papierherstellung eine Metamorphose durchwandern. Die so gewonnenen neuen Blätter scheinen die Energie der Pflanze zu verdichten. Die ästhetische Form der Rosette verbindet die widerspenstigen Formationen und lässt zugleich genug Raum, damit sie sich entfalten und in ihrer archaischen Schönheit zeigen können.  Dieses wunderbare Spiel im Gleichklang der Kräfte zeigt uns die Lebendigkeit, die dieser Pflanze innewohnt.

Der Titel der Installation ERDENGLEICH verweist nicht nur auf die Farbe der Erde, sondern auch auf die ursprüngliche Erdverbundenheit der Pflanze. Daher rührt auch die große Strahlkraft, die von dem Werk ausgeht.

 

Gedanken zu „Der Wald. Ein Spaziergang“, Zeichnungen

Dr. Barbara Kahle, Kunstverein Bamberg, 2018

„……Oskar Koller hat einmal gesagt: Durch Impulse entsteht Kunst. Damit ist auch die Spontanität des Handelns gemeint, das In-Bewegung-Setzen, der Antrieb; jedes Werk wird damit auch zu einem Experiment der Beobachtung und des Impulses.

Und dies trifft auf die Blätter aus der Serie „ Der Wald. Ein Spaziergang“ zu, die die Fürther Künstlerin Sabine Neubauer hier präsentiert. Es handelt sich um eine Auswahl kleiner Zeichnungen in Grafit, die während des Gehens im Wald entstanden sind.

„meine Hand führt den Stift, geführt von meinem Auge und meinem Gefühl. Meine Aufmerksamkeit ist ganz auf das Erleben im Augenblick gerichtet. Meine Zeichnung ist Eindruck und Ausdruck zugleich, Ihre Linie ein in Bewegung geratener Punkt: schnell und kraftvoll, einfühlsam und leise.“

Große Künstler waren sich Ihrer Grenzen in der Annäherung an die Natur durchaus bewusst. Albrecht Dürer beispielsweise formulierte die überraschenden Sätze: “…. dann wahrhafftig steckt die Kunst inn der Natur, wer sie heraus kann reyssenn, der hat sie…“ Dürer verstand unter diesem reyssen nichts Anderes als Zeichnen. Zeichnen, das war für ihn das geeignete Mittel, um sich der Natur zu nähern, der Natur einmal gleichzukommen. Das (menschengemachte) Abbild der (göttlichen) Natur sollte nach Dürer allerdings so nah und detailgetreu wie möglich sein. Sabine Neubauer dagegen interessiert gerade nicht das genaue Abbild, ihr Tun gleicht ein wenig der ècriture automatique in der Art, dass der Prozess des Zeichnens eine gewisse Unberechenbarkeit birgt, gleichzeitig aber im Prozess wissendes Erkennen hervorbringt …….. “

 

Gedanken zu „RECLAM FILETIERT“, Textgewebe

Dr. Sabine Richter, Nürnberg, 2016

…..Sabine Neubauers Buchobjekte sind Text-Gewebe. Wenn wir sie betrachten, werden unsere Sinne auf besondere Weise herausgefordert. Wir können nicht mehr lesen, was da zu entziffern wäre. Die Ordnung der Zeilen und Seiten ist aufgelöst, fragmentiert, aus ihrem Zusammenhang gerissen, geschnitten und von der Künstlerin neu verknüpft. Geschriebenes und Gedrucktes ist unlesbar geworden, aber es ist sichtbar und fühlbar und unserer haptischen Erfahrung zugänglich gemacht. Wir ertasten den Text mit den Augen und lesen auf eine andere Weise, wie mit den Fingerspitzen.

Das lateinische Verb texere (weben, flechten) weist darauf hin: Die Arbeiten von Sabine Neubauer sind im doppelten Sinne textil und führen uns zum Ursprung der Schrift zurück, zu einem Gewebe aus Zeichen und Worten.